Krankheiten des Pferdes
Dieckerhoff, 1885

Bearbeitet von Ron Täubert, Wiesbaden/Hessen


Capitel XX. Blutfleckenkrankheit. Morbus niaculosus.

An keinem Capitel der speoiellen Krankheitslehre ist die Thatsache, dass die Theoria morbi einschliesslich der Terminologie sich in der Regel nur schwer von den überlieferten Gewohnheiten losmacht, anschaulicher zu kennzeichnen als an der Ge­schichte der Blutfleckenkrankheit. Ich habe schon S. 308 Veranlassung gehabt, darauf hinzuweisen, dass im vorigen Jahrhundert eine grosse Zahl von infectiösen und toxischen Krankheiten dem Collectivbegriffe des Faulfiebers untergeordnet war. Die theoretische Beurtheilung der „fauligen Fieber" gipfelte darin, dass eine erhebliche Alteration der Blutmischung oder eine Auflösung der Formbestandtheile des Blutes in der Blutflüssigkeit (Dissolutio sanguinis) das Ens morbi ausmache. Fast alle acut verlaufenden allgemeinen Krankheiten, deren Eigenart nach dem früheren Inhalte der Pathologie, nicht festzustellen war, zählten zum Faulfieber. Auch die Blutflecken­krankheit ist bis in die neueste Zeit zu dieser Gruppe gerechnet und als eine Form des fauligen Fiebers (Febris putrida) betrachtet worden. Es kann deshalb nicht befremden, dass erst vor wenigen Decennien die descriptive Darstellung der Krankheit soweit gesichert worden ist, dass die casuistischen Beiträge der Literatur sich wenig­stens zum grossen Theil richtig beurtheilen lassen. Neben dem Namen des Faul­fiebers hat sich die synonyme Bezeichnung der Krankheit als Typhus erhalten, aller­dings zunächst auch mit der Einschränkung, dass dieselbe nur eine Form des Typhus der Pferde darstellen sollte. Welche Consequenzen diese Bezeichnung gehabt hat, ergiebt sich leicht aus der Thatsache, dass auch die Pferdestaupe seit 1825 vielfach als „Pferdetyphus" beschrieben worden ist. Fast jeder Verfasser eines thierärztlichen Handbuches definirte den Begriff des Typhus anders, als seine Vorgänger. Die Lehr­sätze der medicinischen Schulen und Systeme mussten die hypothetische Voraus­setzung rechtfertigen, dass die einzelnen Formen des Typhus auf einer nosologischen Einheit basiren sollten.

Dass diese Lehren schwere diagnostische Irrthümer im Gefolge gehabt und die Erforschung der selbständigen Pferdekrankheiten behindert haben, zieht sich wie ein rother Faden durch die Fachliteratur. Zur Verwirrung der praktischen Thierärzte bat am meisten die mit der Nomenclatur von den Autoren theils absichtlich, theils unabsichtlich gegebene Anleitung beigetragen, zwischen den als Typhus und Typhoid bezeichneten menschlichen Krankheiten und dem Typhus oder Typhoid der Pferde eine Identität oder eine Analogie anzunehmen. Daher erklärt sich, dass für die in Rede stehende Krankheit nach den Blutflecken (Petechien) in den Schleimhäuten und in der äusseren Haut der Name Petechialfieber (Febris petechialis) und Petechial­typhus (Typhus petechialis) der Pferde viel Anklang gefunden hat. Der Gebrauch dieser Nomenclatur führt bis auf Renault und Bouley (1840) zurück. Wie seit dem Jahre 1850 zunächst von den französischen Thierärzten und demnächst auch in der deutschen Literatur als erfahrungsgemäss angenommen worden ist, kommt weder bei Pferden noch bei den übrigen Hausthieren eine Krankheit vor, welche mitdem Ileotyphus oder mit dem Typhus exanthematious oder mit dem Typhus recurrens des Menschen identifioirt resp. in eine nosologische Parallele gestellt werden könnte.

Die englischen Thierärzte, welche bis vor kurzer Zeit der ganzen Krankheits-lehre_ eine mehr praktische Tendenz zu geben bemüht waren, haben sich bei der Definition der Blutfleckenkrankheit mit der Theorie des Typhus nicht befasst. Statt dessen bürgerte sich in der englischen Literatur der Irrthum ein, dass die Krankheit mit dem Scharlach der Menschen identisch sei. Andererseits wurde indess erkannt, dass die Tendenz zur Bildung blutiger Herde den hauptsächlichsten Bestandteil der Krankheit ausmacht. Dem entsprechend werden in England und in Nordamerika bis in die neueste Zeit zur Charakterisirung der Blutfleckenkrankheit die Namen „Scar- » latina" und „Purpura haemorrhagica" benutzt.

Die in den älteren Fachschriften niedergelegten unklaren Ansichten über das Wesen der Blutfleckenkrankheit hier extractweise zu erörtern, würde zwecklos sein, weil die gesicherte Diagnostik der Krankheit kaum über die Mitte des gegenwärtigen Jahrhunderts zurückreicht. Selbst noch in der späteren Zeit zählten Veith (1840), Dieterichs (1851), Funke (1852) und Spinola (1855) die Krankheitsfälle zu dem Collectivbegriff des Faulflebers oder Typhus. Rychner (tfippiatr. 1842 und Spec. Path. u. Ther. 1854), welcher in seiner dem Schö.nlein'sehen System nachgebildeten Classification der Krankheiten zur Familie der Typhen: 1. „die Typhen des Nerven­systems", 2. „die Typhen der Schleimhäute" und 3. „die Typhen der allgemeinen Decke" rechnet, gedenkt der Blutfleckenkrankheit unter dem Namen des Petechial­typhus.

Bevor durch Renault und Bouley, sowie durch die diagnostisch werthvollen Publicationen Hering's die Selbständigkeit der Blutfleckenkrankheit klar gestellt war, sind Verwechselungen derselben mit dem acuten Rotz häufig begangen worden. In England scheint die Autorität Percivall's der Auffassung, dass die Krankheit dem menschlichen Scharlach analog sei, viel Vorschub bei den Thierärzten geleistet zu haben. Webb und Turner (Veterin. 1840 und 1841) beschrieben zwei Krank­heitsfälle als Scharlach resp. als bösartigen Scharlach des Pferdes. Indess bemerkt Hertwig (Canstatt's Jahresber., 1841) hierzu, dass er die Krankheit nicht für Scharlach, sondern für das „acute Faulfieber" halte. — Hering hat die Krankheit stets als Petechialfieber des Pferdes bezeichnet. Schon 1846 (Rep., S. 6) wandte er sich gegen den Brauch, in der Eruption der Krankheit ein „gewöhnliches Faulfieber" zu erblicken. Ausserdem bestritt er die mehrfach ausgesprochene Meinung, dass die­selbe durch Eiterresorption hervorgebracht und deshalb als verschlagene Druse ge­deutet werden könne. Die Berechtigung des in der englischen Literatur beschriebenen Scharlachs stellte Hering (Spec. Path. u. Ther., II. Aufl., 1849) ebenfalls in Abrede, ohne aber eine bestimmte Stellung gegenüber der Frage zu nehmen, ob der vermeint­liche Scharlach zur Influenza oder zum fauligen Fieber oder zum Petechialfieber ge­höre. Im Jahre 1850 (Rep., XL, S. 50) erläuterte Hering seine Ansicht „über das Petechialfieber der Pferde" dahin, dass die Petechien bei der Druse, beim Typhus und bei gangränösen Entzündungen sowie bei Eiterung in inneren Organen seeundär entstehen könnten, dass dagegen das eigentliche Faulfieber (Petechialfieber) eine idio­pathische Krankheit sei, welche in einer Entmischung des Blutes beruhe. Die krank­hafte Veränderung des Blutes sollte sich in einem Mangel an Gerinnbarkeit und zu­nächst wenigstens in einer wässerigen Beschaffenheit aussprechen. Am Ende des Krankheitsverlaufs sollte aber das Blut eine gleichartig dicke, syrupartige Consistenz erlangen. Die Unterscheidung des idiopathischen Petechialfiebers vom Milzbrand" und

vom acuten Rotz basirte Hering darauf, dass bei der erstgedaohten Krankheit die Contagiosität fehlt. — Gelegentlich späterer Publikationen in seinem Repertorium und in Canstatt's Jahresberichten hat Hering stets bestritten, dass das Petechial­fieber aus einer Eiterresorption hervorgehen könne. Andererseits vertheidigte er seine Meinung (vergl. Rep. XIX.), dass das Blut abnorm dünnflüssig sei und aus diesem Grunde in die Gewebe transsudiren müsse.

Mannington, Haycock, Girling (Vet. Record etc., 1848 u. 1850) und andere englische Thierärzte beobachteten, dass die Blutfleckenkrankheit im Verlaufe der Druse zur Entwicklung kam. Sie bezeichneten dieselbe als „Purpura haemor-rhagica".