Eine neue und eigenthümliche Beurtheilung der Blutfleckenkrankheit ist von dem Thierarznei - Institut in Wien ausgegangen. Uebereinstimmend mit der älteren Literatur rechnete Bruckmüller dieselbe zur Gruppe des Typhus (Wien. Viertelj., 1855). Von diesem Standpunkte ist ursprünglich auch Roll ausgegangen, welcher der Krankheit die Natur des Milzbrandes beigelegt hat. Klar ausgesprochen ist die Lehre Röll's- in dessen Lehrbuch der Pathologie und Therapie, sowie in der „Be­lehrung über den Pferdetyphus", welche das Oesterreichische Armee-Obercommando unter dem 12. Februar 1850 erliess (Wien. Viertelj., XII.). In dieser Belehrung wird vorausgeschickt, dass die Krankheit mit verschiedenen Namen „wie z. B. Nervenfieber, Pferdeseuche, brandige Druse, epizootisches Rothlauffieber, Faulfiober, Faulfieber­seuche, Brustseuche, Lebertyphus, Abdominaltyphus" bezeichnet werde. „Das den Milzbrandformen beizuzählende Leiden der Pferde kann zwei, aber nicht immer ganz streng getrennte Formen annehmen und zwar a) solche, in denen sich die Krankheit nicht localisirt, sondern als Blutkrankheit verläuft und meist tödtet (Milzbrand-Blut­schlag) und b) solche, bei denen sich Ablagerungen an der Körperoberfläche und in inneren Theilen auffinden lassen (eigentlicher Pferdetyphus)."

Gegen diese Lehre, die in den kurzen klinischen Berichten Röll's (Wien. Vierteljahrsschr., 1862 und 1863) stets vertreten ist, hat Hering wiederholt bemerkt, dass die Darstellung des Pferdetyphus, soweit die Krankheitsfälle nicht zum Milz­brand gehören, sich auf dasselbe Leiden bezieht, welches von ihm Petechialfieber genannt werde. — Auch Haubner, Arloing, Friedberger u. A. stellten unter Bezugnahme darauf, dass der „Pferdetyphus" nicht ansteckend sei und nicht einmal mit dem Blute übergeimpft werden könne, die Identität desselben mit dem Milz-' brande entschieden in Abrede. Trotzdem ist Roll bis zur Gegenwart bei seiner Ansicht verblieben. Bei der autoritativen Stellung, welche derselbe in der Veterinär-Pathologie zwei Decennien hindurch eingenommen hat, befestigte sich die Meinung, dass der Pferdetyphus eine Form des Milzbrandes sei, ziemlich allgemein unter den Thierärzten. Wie weit die Lehre Röll's die Fachschriftsteller beeinflusst hat, er-giebt sich daraus, dass auch Williams (Principels and Practice of Vet.-Med. 1874) die Blutfleckenkrankheit als Purpura haemorrhagica dem Milzbrande zuzählt.

Aus der neueren Literatur ist hier noch auf die casuistischen Beiträge zu ver­weisen, welche Fried berger zur Charakteristik des Pferdetyphus (München: Jahres­bericht, 1874/75 und 1875/76) veröffentlicht hat.


Definition.

Aus den Symptomen, dem Verlaufe und den Sectionsbefunden er-giebt sich mit Sicherheit, dass die Blutfieckenkrankheit ein eigenartiges Leiden darstellt, welches ätiologisch auf der Einführung eines specifischen Virus in die Blut-circulation beruht. Den wesentlichsten Bestandtheil der acut verlaufenden Krankheit bezeichnet die multiple Bildung kleiner und grösserer blutiger Herde in der äusseren Haut und Unterhaut, in der Respirations- und Digestionsschleimhaut, sowie in vielen anderen Organen.

Dass die Begriffsbestimmung früher mit der Lehre vom „Faulfieber (Febris putrida s. septica)" verknüpft gewesen ist, erklärt sich dadurch, dass der selb­ständige Charakter des Morbus maculosus nicht bekannt war. Seitdem das faulige oder putride Fieber der putriden Infection und der Sephthämie begrifflich gleich­gestellt wird, eignet sich der Name des Faulfiebers für die Blutfleckenkrankheit nicht mehr. Zweckmässig ist derselbe auch früher, nicht gewesen, weil er eine grössere Zahl von differenten, acuten infectiösen und toxischen Allgemeinaffectionen umfasste. Die Diagnose des Faulfiebers musste daher unklar bleiben. — In noch höherem Grade führt der Versuch, die Blutfleckenkrankheit als „Typhus der Pferde" zu defjniren, zu unrichtigen Vorstellungen. Da der Typhus begrifflich auf mehrere acut verlaufende Pferdekrankheiten (Milzbrand, Pferdestaupe, Sephthämie und perniciöse Entzündungen innerer Organe) ausgedehnt wurde, so ist gerade der Name des „Pferdetyphus" der richtigen Einsicht in die Natur der Blutfleckenkrankheit hinderlioh gewesen. Dazu kommt, dass der Morbus maculosus mit denjenigen Krankheiten des Menschen, welche als Typhus bezeichnet werden, weder eine ätiologische Gemeinschaft, noch überhaupt eine Aehnlichkeit hat. Der Name des Typhus verleitet aber die Sachverständigen, bei der Constatirung und Behandlung der Blutfleckenkrankheit des Pferdes Vergleiche mit dem Abdominaltyphus oder mit dem exanthematischen Typhus (Petechialtyphus, Petechialfieber) des Menschen anzustellen und analoge oder identische Processe bei den Pferden vorauszusetzen. So haben Hering, Rychner und andere Autoren nach dem Merkmal der Petechien, welches beim exanthematischen Typhus des Menschen vorkommt, die Blutfleckenkrankheit als „Petechialfieber" und „Petechial­typhus" des Pferdes charakterisirt. Ich halte diese Nomination ebensowenig für passend, wie diejenige des „Pferdetyphus", welche von Roll neuerdings wieder bevorzugt und nach ihm von vielen Schriftstellern angenommen ist. Wer die Sym­ptome, welche die meisten Anhänger der Typhus-Theorie von der Krankheit entworfen haben, mit dem thatsächlichen Verhalten der am Morbus maculosus leidenden Pferde vergleicht, der wird die Unzweckmässigkeit des Namens nicht bezweifeln können. So sollen die Patienten im Beginn gewöhnlich leichten Frostschauer, grosse Traurigkeit, Unaufmerksamkeit und Abstumpfung zeigen. Es ist leicht zu erkennen, dass diese Angabe unter dem irrthümlichen Eindrucke steht, dass die Krankheit „typhöser Natur" sei. Schon früher (Pferdestaupe, 1882., S. 100) habe ich in einer kurzen diagnostischen Erläuterung hervorgehoben, dass die Krankheit dem „Morbus maculosus Werl-hofii" des Menschen gleiche (Werlhof, 1698—1767, Arzt in Hannover, hat diese Krankheit des Menschen zuerst genau beschrieben). Die Aehnlichkeit beider Krank­heiten wurde schon von Eberhardt berücksichtigt, welcher zwei Fälle unter dem Namen „Blutfleckenkrankheit" beschrieb (Magaz., 1857., S. 216).

Nach der Uebereinstimmung der in Rede stehenden Krankheit mit dem gedachten Leiden des Menschen halte ich den Namen: „Morbus maculosus Equorum" für zu­treffend. Mit der Annahme desselben verbindet sich von selbst der Begriff einer eigen­artigen , durch die Ausbildung von Blutflecken (blutigen Herden) charakterisirten Affeetion. Es ist überflüssig, eingehend zu erörtern, dass die passende Bezeichnung der Krankheit manchen diagnostischen Irrthümern von vornherein die Spitze abbricht. — Die in der englischen Literatur gebräuchliche Benennung der Krankheit als „Pur­pura haemorrhagica" erscheint weniger zweckmässig, weil der Terminus „Purpura" in der Medicin als Collectivname für mehrere, unter Petechienbildung ver­laufende, aber ihrem Wesen nach differente Krankheiten des Menschen benutzt wird. Ganz unmotivirt ist der Vergleich der Blutfleckenkrankheit des Pferdes mit dem Scharlach des Menschen und der hiernach gewählte Krankheitsname (Scarlatina; Scarlet fever), der von englischen und nordamerikanischen Thierärzten gegenwärtig noch be­nutzt wird. Soweit nach der thatsächlichen Erfahrung beurtheilt werden kann, sind weder die Pferde, noch die übrigen Hausthiere der Erkrankung am menschlichen Scharlach unterworfen.

Aetiologie. Die Thatsache, dass die Blutfleckenkrankheit sehr oft bei katarrhalischen Zuständen in der Respirationsschleimhaut, ferner bei dem Bestehen eiteriger Zerfallsherde in den Lungen oder in anderen Organen zur Ausbildung kommt, lässt darauf schliessen, dass die Einführung eines specifischen Virus in die Blutcirculation das bedingende Moment der Pathogenese darstellt. Nun werden aber nicht selten Pferde von der Krankheit befallen, bei welchen die Präexistenz localer Entzündungsherde nicht nachgewiesen werden kann (idiopathische Blutfleckenkrankheit im Sinne Hering's). Allein dies beweist noch nicht, dass ein Primärherd in derartigen Fällen fehlt. Denn es können eiterige Processe und Zu­stände von geringem Umfange in der Subcutis oder auch in den inneren Organen der Ermittelung entgehen. Da nun die Krankheit sich in ihren hauptsächlichsten Bestandtheilen stets gleich bleibt, sowohl wenn sie als Oomplication oder Polgeleiden beim Rotz, bei der Druse oder bei einer Lungenentzündung entsteht, als wenn sie scheinbar eine idiopathische Affection darstellt, so ist anzunehmen, dass ihre Ausbildung in allen Fällen aus primären localen Zerfallsherden stattfindet. Ich habe diese Ansicht schon früher in einer kurzen Bemerkung (Pferdestaupe, 1882., S. 102) ausgesprochen und kann auch nach allen neueren Beobachtungen dieselbe nur wiederholen.

Nicht selten vollzieht sich die Ausbildung der Krankheit bei Pferden, welche an der Brandmauke oder an anderen eiterigen Herden in der Subcutis leiden. Auch Abscesse in der Nierenkapsel oder in der Milz können den Ausbruch vermitteln. Am häufigsten hat aber die primäre Erkrankung in den Respirationsorganen ihren Sitz: eiterige Katarrhe in den Nebenhöhlen der Nase oder in der Rachenschleimhaut, retropharyngeale Abscesse und broncho-pneumonische oder metastatische Zerfallsherde in den Lungen. Die hier angedeuteten Primäraffeetionen verknüpfen sich oft nicht mit augenfälligen Störungen der Gesundheit, so dass sie unerkannt bleiben. Siedam-grotzky rechnet zu den primären Erkrankungen besonders die Darm­katarrhe mit Verschwärung der Lymphfollikel.