Die Natur des Virus, welches an den Primärherden entsteht und durch Resorption in das Blut übergeht, ist nicht bekannt. Es lässt sich insbesondere nicht mit Bestimmtheit entscheiden, ob ein Infectionsstoff (pflanzlicher Mikroparasit) oder ein- chemisches Gift (nach Art der Ptomaine) die Krankheit verursacht. Aus den klinischen Beobachtungen ergiebt sich indess mit Wahrscheinlichkeit, dass in den Primärherden ein Chemischer Körper von eigentümlichen toxischen Eigenschaften ent­steht und dass die Aetiologie des Morbus maeulosus demnach in einer specifischen Autointoxication beruht. Die Erzeugung, eines solchen Virus muss von der Einführung eines besonderen belebten Fermentes in die Primärherde abhängig gedacht werden. Hiernach würde die Blutflecken^ krankheit mittelbar allerdings auf eine Infection zurückzuführen sein, in ihren wesentlichen Eigenschaften aber eine toxische Krankheit darstellen.

Das Alter der Pferde scheint keinen Einfluss auf die Entstehung der Krankheit zu haben. Indess habe ich doch nicht beobachtet, dass Fohlen vor dem vollendeten zweiten Lebensjahre erkranken. Anderer­seits sah ich aber mehrere Fälle bei Pferden, die das 18. Lebensjahr bereits überschritten hatten.

Pathogenese. Uebereinstimmend mit dem Verhalten anderer toxischer Allgemeinaffectionen ist der Entwickelungsgang des Morbus maeulosus wesentlich beeinflusst von der Quantität des Virus und von der Schnellig­keit, mit welcher dieselbe in die Blutcirculation aufgenommen wird. Dass dabei die individuelle Disposition von erheblichem Einfluss sei, lässt sich nicht nachweisen. Das Virus hat an sich keine fiebererregende - -Wkkung. Denn oft bestehen die unzweideutigsten Symptome der Krank­heit mehrere Tage hindurch, ohne dass die Blnttemperatur ansteigt oder das Gesammtbefinden der Pferde gestört ist. Das Fieber ist erst eine Folge der localen Entzündungszustände, welche im Verlauf der Krank­heit entstehen. Auch das Blut selbst erleidet zunächst keine erkennbare Aenderung in seiner Zusammensetzung bezw. in dem Mischungsverhält­nisse seiner Bestandteile. Ich habe sehr oft, sowohl im Beginn als auch nach der vollendeten Ausbildung der Krankheitserscheinungen Probe­aderlässe vorgenommen, aber weder durch die mikroskopische Unter­suchung noch an dem Gerinnungsmodus eine Abweichung von der Norm constatiren können. — Dagegen ist der virulenten Substanz im Allge­meinen die Eigenschaft eines phlogogenen Stoffes und im Besonderen eine speeifische Affinität zu deii Capillargefässwandungen beizulegen. In Folge der letztgedachten Wirkung des Virus können Rupturen der Oapillargefässe in einer grösseren Zahl von Organen entstehen. Immer sind es aber in den Organen nur einzelne Capillaren, welche in ihrer Wandung eine Alteration erleiden und in Folge dessen durchbrochen werden. Der Continuitätstrennung folgt die Extravasation von Blut, welches in die nächstgelegenen Gewebe infiltrirt. Es entstehen kleine oder grössere blutige Herde, welche zuweilen confluiren und umfang­reiche hämorrhagische Unterlaufungen bilden.

Am meisten incliniren für die Entstehung der blutigen Herde: Die äussere Haut mit der Unterhaut, die Respirationsschleimhaut mit der Submuoosa und die Con-junctiva, demnächst die Digestionsschleimhaut mit der Submucosa, die Skelet-muskulatur, die Langen, die Milz und die Nieren. Am Periost und an der Synovial-membran einzelner Sehnenscheiden finden sich mitunter bei der Section 'flache hämor­rhagische Herde. Aber in der Substanz der Knochen, in den Gelenken, im Gehirn, in den Hoden und Ovarien habe ich niemals blutige Herde gesehen. — Die Subcutis unterliegt dem Zustandekommen der Blutflecke am meisten in der unteren Hälfte des Kopfes, an den Gliedmassen, am Bauche und unter der Brust. Auf der Kruppe und dem Rücken, sowie am Halskamm entstehen die Herde nur ausnahmsweise. — Von dem Respirationstractus erkrankt die Nasenschleimhaut fast constant, ausserdem die Rachenschleimhaut sehr oft. Die übrigen Abschnitte werden seltener afficirt. — In der Magen-Darmschleimhaut habe ich nicht nachweisen können, dass einzelne Ab­schnitte häufiger als andere erkranken.

Die Grösse der Herde scheint von der Ausdehnung der an den Capillargefässen eintretenden Rupturen abhängig zu sein. Bei erheblichen Rupturen sistirt die Extra­vasation erst dann, wenn die Menge des ausgetretenen Blutes einen hinreichenden Gegendruck schafft. Das in die Gewebe infiltrirte Blut bleibt flüssig. In den grösseren subcutanen Unterlaufungen coagulirt es zuweilen zu einer lockeren schmierigen Masse. So lange die Herde von der Luft abgeschlossen sind, hat es eine venöse Farbe. Das Serum wird zunächst und oft schon innerhalb weniger Tage grösstentheils resorbirt.— Das extravasirte Blut, bezw. die in demselben befindliche unbekannte virulente Substanz hat eine phlogogene Wirkung auf die Gewebe. In der Subcutis entwickelt sich von den hämorrhagischen Herden aus eine diffuse Entzündung mit reichlicher Exsudation von Serum und weissen Blutkörperchen. Das Exsudat hat eine gallertartige (sulzige), gelbliche oder gelbweisse Beschaffenheit.

Die Submucosa der Nase ist von der entzündlichen Exsudation in geringerem Grade betroffen, was auf die straffe Einrichtung derselben zurückzuführen sein dürfte. Die Conjunctiva erleidet oft eine erhebliche Entzündung, die aber ohne Einfluss auf den Krankheitsverlauf bleibt. Dagegen entsteht in der Submucosa der Rachenschleim­haut, besonders in den lockeren Palten vor und hinter dem Kehldeckel, ferner an den Giesskannenknorpeln und an den Morgagni'schen Taschen sehr oft eine starke In­filtration mit gelbsulzigen Entzündungsproducten.

Zuweilen entwickelt sich in der' unteren Partie der Maulschleimhaut, an den Lippen und neben dem Frenulum eine entzündliche Schwellung. — Die Magen-Darm­schleimhaut erkrankt zwar sehr oft, aber im Ganzen doch nicht so constant, wie die äussere Haut und der Respirationstractus in seinen oberen Abschnitten. Die Herde etabliren sich theils in der Substanz der Digestionsschleimhaut, theils in der Sub­mucosa. In ersterer bleiben sie meist klein, von dem Umfange einer Erbse bis einer Wallnuss. Die Herde der Submucosa können aber die Dimensionen einer menschlichen Hand und darüber erreichen. In einzelnen Fällen bilden sich im Dünndarm, seltener im Dickdarm runde hämorrhagische Herde von der Grösse eines silbernen Fünfmark­stückes. Diese Form hängt mit dem Verbreitungsbezirk der kleineren Arterien zusammen, welche durch die Erkrankung verlegt werden. Entzündliche Exsudate in der Umgebung der Herde entstehen nur selten in grösserer Ausdehnung.

Die Lungen enthalten oft viele Herde von Haselnuss- bis Faustgrösse, nament­lich in den unteren Abschnitten. Mitunter entstehen Infarcte von dem Umfange eines menschlichen Kopfes in einer oder in beiden Lungen. An die Infarcirung schliesst sich nicht selten eine entzündliche Exsudation, so dass relativ grosse Partien der Lungen ganz ähnlich wie bei der Brustseuche hepatisirt werden.

Von der Skeletmuskulatur werden am meisten die Ilio-Psoasmuskeln, ferner die Muskeln des Beckens, des Oberschenkels und der Kniescheibe, ausserdem die Zwillings­muskeln, die Bauchmuskeln und die Brüstmuskeln, weniger oft die Halsmuskeln afficirt. Nach Form und Grösse zeigen die Herde erhebliche Differenzen. Sie sind theils länglich rund, theils lang gestreckt, dem Bau des Muskels entsprechend. Selten ist ein grösserer Muskel in seiner ganzen Länge infiltrirt; meist sind nur einzelne Schichten betroffen. Innerhalb weniger Tage vollzieht sich die Resorption des Blut­serums aus den Muskelherden zum grössten Theil, so dass die Substanz von den zu­rückbleibenden und zerfallenen rothen Blutkörperchen dunkelroth, selbst schwarzroth gefärbt erscheint, aber im Ganzen einen mehr trockenen Habitus behält. Sulzige Ergiessungen entstehen nur vereinzelt neben den Herden im intermuskulären Binde­gewebe.

Die Bildung hämorrhagischer Herde in den übrigen Organen (Milz, Nieren und Nierenkapsel, Bauchwand, Zwerchfell, Mesenterium) kommt weniger oft vor und zeigt im Uebrigen von dem beschriebenen Verhalten der blutigen Horde in anderen Organen nichts Abweichendes.