Exitus letalis durch Verblutung.
Carousselbe'sitzer H. sandte am 6. Juli 1882 einen 10 Jahre alten braunen Wallach in die Klinik, mit der Angabe, dass derselbe seit einigen Tagen auf dem rechten Vorderfusse lahm gehe. Das sehr kräftig genährte Pferd stand mit gesenktem Kopf, hewegte sich langsam und bekundete in seinem Habitus eine deutliche Ermüdung. T. 38,5. P. 50. Arterie massig voll, Herzstoss deutlich fühlbar, Herztöne nicht verändert, Resp. 12. Schleimhäute der Augen, der Nase und des Maules anämisch, kaum röthlich nüancirt. Appetit gering; es wird etwas Grünfutter und Heu, aber kein Hafer aufgenommen. Die Defäcation ist schmerzhaft und erfolgt unter lautem Stöhnen. Darmexcremente in Folge von blutigen Beimischungen schwarzroth, breiförmig, stinkend. Bei der mikroskopischen Untersuchung lassen sich zahlreiche, theils intacte, theils in Zerfall begriffene rothe Blutkörperchen erkennen. Vor der Brust rechterseits und am Brustbein entlang bis zum Schaufelknorpel findet sich eine starke ödematöse Anschwellung, durch welche das Pferd im Gebrauch der rechten Vordergliedmasse behindert ist. Ausserdem zeigt sich an der Fesselpartie des linken Hinterfusses eine massig starke diffuse Schwellung, welche bis zum Sprunggelenk reicht. — Ordination: Waschungen mit Bleizucker-Alaunlösung. Innerlich: Acid. hydrochloric.
Bis zum 8. Juli verschlimmerte sich der Zustand. R. 12. P. 60. T. 38,3. Die Anämie hat einen höheren Grad erlangt. Die ödematöse Schwellung erstreckt sich von der Brust bis zum Schlauch. Appetit sehr gering. Fäces breiartig, schwarzroth; Reaction durchweg alkalisch.
Am 9. Juli. R. 12. P. 64, gleichmässig, deutlich fühlbar, weich. T. 38,7. Die sichtbaren Schleimhäute ganz weiss gefärbt. Die übrigen Erscheinungen sind gleich geblieben. Harn alkalisch, geringe Mengen von Eiweiss und relativ viel Chlorverbindungen. Spec. Gew. 1037. — Die am 6. Juli eingeleitete Therapie wird fortgesetzt.
Am 10. Juli R. 12, P. 40, klein, Arterie stärker zusammengezogen; Herzstoss deutlich fühlbar; Herztöne nicht verändert. T. 39,1. Futteraufnahme versagt. Starke Ermüdung und Auflegen des Kopfes auf die Krippe. Lautes Stöhnen bei der Kothentleerung. — Dem Pferde wurde eine Probe Blut aus der linken Jugularvene entnommen. Das Blut gerinnt in 8 Minuten. Die rothen Blutkörperchen senken sich zu einer relativ dünnen schwarzrothen Schicht zu Boden. Das Plasma trübe, scheidet keinen festen Kuchen aus, bernsteingelb gefärbt, von der Consistenz einer dünnen Gallerte. Anormale Bestandtheile waren durch die mikroskopische Untersuchung des Blutes nicht zu finden (diese Eigenschaften wurden mit Vergleichung des Verhaltens einer von einem gesunden Pferde genommenen Blutprobe festgestellt). Harn von saurer Reaction. Spec. Gew. 1031. Am Nachmittag des 10. Juli R. 16, P. 88, T. 39,4. Abends um 9 Uhr erfolgte der Tod.
Autopsie. Bei der im pathologischen Institut der Thierarzneischule durch Herrn Boether ausgeführten Section fanden sich alle Schleimhäute blass und ohne irgend welche lnjectionsröthe. Die Skeletmuskulatur zeigt eine starke Todtenstarre. Am Thorax rechterseits und an den unteren Partien des Halses in der. Subcutis sulzige und stellenweise hämorrhagische Schwellung. Das Oedem amBauche wird durch Infiltration derSubcutis mit gelblicher, stellenweise röthlicher Flüssigkeit bedingt. Ausserdem finden sich blutige Infiltrationen der Subcutis am Sprunggelenk, in der Knieregion des linken Vorder schenkeis und in der Fesselpartie'des rechten Vorderschenkels. Im freien Raum der Bauchhöhle 6 Liter einer blutigen, trüben Flüssigkeit. Peritoneum blass, glänzend und mit vereinzelten, erbsengrossen, blutigen Herden besetzt. Netz und Gekröse sehr fettreich, leicht in-filtrirt und an einigen Stellen mit braunrothen Herden besetzt. Der Inhalt des Dünndarms schmutzig-gelb gefärbt und dickflüssig. Dünndarmschleimhaut blass, graugelb, leicht geschwollen und getrübt. Die Peyer'schen Häufen treten sehr stark hervor, ihre Follikel sind hirsekorngross und grau gefärbt. Blinddarm und Grimmdarm massig gefüllt mit zum Theil dickbreiigen, zum Theil dünnflüssigen und dunkelgrauen Massen. Dickdarmschleimhaut glasig geschwollen, blassgrau gefärbt und trübe. Submucosa mit einer schwach getrübten, gelben Flüssigkeit infiltrirt. Im Mastdarm finden sich schwarzbraun gefärbte, mit Blutgerinnseln bedeckteKothmassen. Schleimhaut namentlich in den hinteren Abschnitten stark geschwollen, braunroth gefärbt. — Gekrösdrüsen etwas vergrössert, saftig, auf dem Durchschnitt grauroth. Milz nicht wesentlich verändert. Fettkapsel der Nieren mit braunrother Flüssigkeit infiltrirt. Die Nieren erscheinen auf der Schnittfläche getrübt, sonst nicht verändert. — Im Magen ist die Schleimhaut der Portio pylorica grauweiss, etwas geschwollen und getrübt. Leber auf dem Durchschnitt trübe, theils blassgelb, theils braun gefärbt. Lebervenen und Pfortaderäste wenig gefüllt mit dünnflüssigem, hellrothem Blute. Harnblase nicht besonders verändert. In den Pleurasäcken 3 Liter dünnflüssigen, hellrothen Inhalts. Pleura nicht verändert, nur an einzelnen Stellen punktförmige Ekchymosen. Lungen an verschiedenen Stellen mit erbsen- bis wallnusgrossen blutigen Herden besetzt, sonst gesund. Aus den Bronchien quillt eine braunrothe, klare Flüssigkeit. Herzbeutel leer. Perioardium gesund. Herz wenig verändert, Schnittfläche grauroth und etwas trocken. Endocardium, besonders an den Papillarmuskeln des linken Ventrikels blutig unterlaufen. Schleimhaut der Luftröhre, des Larynx und Pharynx blass gefärbt und glatt. In der Nasenschleimhaut stellenweise leichte blutige Infiltrationen.
Capitel XXI. Bluterkrankheit. Haemophilie.
Definition.
Der Begriff der Bluterkrankheit bindet sich in der Lehre von den Krankheiten desMenschen principaliter an eine durch Vererbung entstandene,,hämorrhagische Diathese". Indess wird von den meisten Autoren zugestanden, dass eine Prädisposition zu Blutungen beim Menschen auch erworben sein könne. Von den Pferden ist nicht bekannt, dass eine krankhafte Anlage zu Blutungen durch hereditäre Einflüsse zu Stande kommt. Demnach besteht zwischen der Bluterkrankheit des Menschen und der hier zu erörternden Pferdekrankheit keine vollständige Congruenz.