Die Mannigfaltigkeit der Bedingungen, unter welchen krankhafte Blutungen bei Menschen und Thieren eintreten, hat seit jeher der zusammenfassenden theoretischen Betrachtung einen grossen Spielraum geboten. An Versuchen, die Geschichte der Blutungen ätiologisch aufzuklären, hat es nicht gefehlt. Gleichwohl hat die entscheidende Frage nach den differenten ursächlichen Grundlagen derjenigen Blutungen, welche auf die „hämorrhagische Diathese" zurückgeführt werden, eine befriedigende Lösung noch nicht gefunden. Die kritische Erläuterung der zur Erklärung der constitutionellen Blutungen geltend gemachten Ansichten fällt der allgemeinen Pathologie anheim.
Dass das bedingende Moment der Bluterkrankheit bei Pferden in einer angeborenen oder in einer allmälig erworbenen und Monate oder Jahre lang fortbestehenden Unvollkommenheit der Gewebe einzelner Organe beruhe, lässt sich nicht annehmen. Die Blutungen der inneren Organe (Lungen, Leber, Nieren), welche sich nach kürzeren oder längeren Zwischenzeiten wiederholen, sind durch Lokalkrankheiten bedingt und können deshalb begrifflich nicht zur Bluterkrankheit gerechnet werden. Bei der letzteren genesen die Pferde, soweit sie nicht in Folge des Blutverlustes direct zu Grunde gehen, in wenigen Wochen vollständig. Diese Thatsachen sprechen dafür, dass bei den an der Bluterkrankheit leidenden Pferden eine Alienation der Blut-Albuminate, vielleicht auch eine Störung in der Function der blutbereitenden Organe (Lymphdrüsen) besteht und dass das krankhafte Verhältniss des Blutes allmälig wieder ausgeglichen werden kann. Demnach lässt sich die Bluterkrankheit des Pferdes den chronischen Störungen der Ernährung (chronischen constitutionellen Krankheiten) nicht anreihen. Die Aetiologie derselben ist vielmehr in einer eigenthümlichen In-toxication des Blutes zu vermuthen. Freilich fehlt es bis jetzt noch durchaus an gesicherten Thatsachen, um die Organe bezeichnen zu können, von welchem die Blutvergiftung eingeleitet wird. Aber es ist unverkennbar, dass die Hämorrhagien bei der Bluterkrankheit eine grosse Aehnlichkeit haben mit den Blutungen, welche bei der Brustseuche (vergl. S. 232) und beim Morbus maculosus (vergl. S. 423) vorkommen. Wie in diesen Fällen aber die Vermuthung berechtigt ist, dass durch besondere pathogene Permente bezw. durch die von solchen Permenten erzeugten chemischen Substanzen eine Alienation der Blutmischung als bedingendes Moment der Blutung herbeigeführt wird, so lässt sich auch die Ansicht vertheidigen, dass bei der Bluterkrankheit ähnliche ursächliche Verhältnisse obwalten. Die Hämophilie des Pferdes ist demnach als eine toxische Krankheit anzusehen, welche sich dadurch kennzeichnet, dass aus unerheblichen Wunden oder ohne eine erkennbare äussere Veranlassung in der Haut, oder in der Respirationsschleimhaut, in der Darmschleimhaut, im Peritoneum oder in der Pleura eine krankhafte, lebensgefährliche oder tödtliche Blutung entsteht.
Das Zustandekommen der Blutungen ist oft von einer regionären Erschlaffung der Capillargefässwandungen bezw. von einer Schwäche in den Impulsen der vasomotorischen Nerven abhängig gedacht worden. Indess fehlt es bis jetzt an tatsächlichen Feststellungen, welche die Richtigkeit dieser Ansicht darthun könnten. Für dieselbe spricht aber die beim Ableben der Pferde sehr oft stattfindende Bildung zahlreicher kleiner blutiger Herde (Ekehymosen) in den serösen Häuten und in anderen, zu den Bindesubstanzen gehörenden Geweben. Im Todesacte hört die Erregbarkeit an einzelnen nervösen Apparaten früher auf, als an anderen. Nach den Erfahrungen üb»r die Genesis solcher Blutungen ist zur Zeit die Frage noch offen, ob neben der toxischen Beschaffenheit des Blutes eine Veränderung der Oapillargefässwände oder eine Lähmung der vasomotorischen Nerven an den Hämorrhagien bei der Bluterkrankheit einen ursächlichen Antheil hat.
Aetiologie und Pathogenese.
Die Pferde, bei welchen eine auf die Hämophilie zu beziehende Blutung eintritt, sind entweder von einer nachweislichen protopathischen Störung der Gesundheit nicht betroffen oder mit einem schleichenden Katarrh in der Respirationsschleimhaut, oder mit einer Dyspepsie behaftet. Auch Wunden mit mangelhafter Granulationsbildung (Castrations- und andere Operationswunden mit pro-trahirtem Verlaufe und entzündlicher Schwellung der Nachbarschaft) werden als Vorkrankheiten der Hämophilie beobachtet. Indess ist das Verhältniss, in welchem diese Vorkrankheiten zur Ausbildung der hämorrhagischen Diathese stehen, bis jetzt nicht aufzuklären. Die äussere Veranlassung zur Herbeiführung krankhafter ßlutflüsse geben zuweilen kleine resp. unerhebliche Verletzungen der Haut. In der Literatur sind mehrere Fälle bekannt gemacht, bei welchen die Application eines Fon-tanells eine anhaltende Blutung veranlasste.
Ich behandelte im December 1866 einen neunjährigen braunen Wallach von veredelter Abkunft und starkem Körperbau. Das Pferd war mager und bekundete drei Wochen hindurch mangelhaften Appetit, leichte Schwellung der Gliedmassen, rauhes Deckhaar und geringe Pulsfrequenz. Die Kopfschleimhäute waren nicht von abnormer Färbung und im Athmungsapparat war eine Störung nicht erkennbar. Hiernach kam ich zu der Diagnose, dass das Pferd an einer chronischen Dyspepsie leide. Da die üblichen Medicamente 14 Tage hindurch erfolglos gegeben waren, so applicirte ich dem Pferde ein Haarseil vor der Brust. Aus der unteren Haarseilwunde entleerte sich zunächst einen Tag hindurch dunkles leicht flüssiges Blut in dünnem Strahl. An den folgenden Tagen floss das Bltit tropfenweise, aber ohne Unterbrechung ab. Die wiederholte Durchtränkung des Haarseils mit Terpentinöl blieb ohne Einfluss auf die Blutung. Auch trat keine erhebliche Schwellung der Haarseilwunde ein. Ich legte darauf am 4. Tage neben dem Haarseil Flachstampons in die Oeffnungen und entfernte dieselben nach 20 Stunden. Die Blutung stand momentan, trat aber nach einem Tage von Neuem wieder ein. Demnächst sistirte die Blutung zuweilen 6—10 Stunden hindurch, worauf sich das Abtropfein wieder einfand. Die Eiterbildung kam nicht zu Stande. Bis zum 10. Tage nach der Application des Haarseils hatte das Pferd relativ viel Blut verloren; die Schleimhäute des Kopfes waren anämisch. Andere Krankheitserscheinungen machten sich nicht bemerklich. Ich entfernte nun das Haarseil, injicirte täglich dreimal eine öproc. Lösung von Tannin und tamponirte die Wunde gleich darauf mit Flachs. "Nach 2 Tagen stand die Blutung vollständig und die Wunde heilte allmälig aus. Die Symptome der Indigestion und die Schwellung der Gliedmassen verschwanden in 4 Wochen. Das Pferd ist darauf vollständig genesen und noch mehrere Jahre zu landwirthschaftlichen Arbeiten benutzt worden. Ausser einem trägen Temperament habe ich an demselben nichts Auffälliges beobachtet.
In der Respirationsschleimhaut, in den Lungen, in der Pleura oder im Peritoneum sind Sprengungen der Blutgefässe bei der Section der betreffenden Pferde nicht nachweisbar. Das Blut, welches sich in die eine oder andere Körperhöhle ergiesst oder aus der Nase nach aussen, entleert, ist venös gefärbt und dünnflüssig. Zuweilen entleert sich innerhalb eines Tages eine so grosse Quantität von Blut, dass .das Pferd durch Blutverlust unmittelbar eingeht. In anderen Fällen erfolgen die Blutungen nach kürzeren oder längeren Zwischenzeiten aus Hautwunden oder aus der Nase, oder in die grossen Körperhöhlen. Ist der allmälige Blutverlust sehr bedeutend, so gehen die Thiere unter den Symptomen der Erschöpfung zu Grunde. In anderen Fällen erlangt das Körperblut bald innerhalb weniger Tage, bald erst in späterer Zeit die normale Gerinnungsfähigkeit wieder und die Hämorrhagien sistiren unter denselben Bedingungen, welche auch bei gesunden Pferden das Aufhören kleiner traumatischer Blutungen bewirken.
Symptome und Verlauf.