Blutungen aus Wunden und ulcerösen Defecten in der äusseren Haut oder aus der Nase sind leicht wahrnehmbar. Die in die Körperhöhlen stattfindenden Blutergüsse entziehen sich der directen Feststellung. Erhebliche Blutverluste bedingen eine anämische Beschaffen­heit der sichtbaren Schleimhäute und das Gefühl der Ermüdung. Fre-quenter und kleiner, in den höheren Graden der Blutung unfühlbarer Puls; pochender Herzstoss; dyspnoisches Athmen.

Bei tödtlichem Krankheitsverlaufe bestimmen sich die sonstigen Erscheinungen vorzugsweise nach der Zeit, welche darüber vergeht, bis eine entsprechend grosse Quantität Blut aus den Gefässen ausgetreten ist. Selbstredend können wiederholte oder anhaltende geringe Blutungen erst in einer späteren Zeit zum Tode führen, als übermässige (schwere) Blutverluste. In den erstgedachten Fällen werden die Patienten gegen Ende des Lebens so schwach, dass sie mehrere Stunden, selbst einen Tag und darüber flach auf der Seite liegen und nicht mehr aufstehen können. Starke Blutverluste enden schon nach wenigen Stunden tödt-lich. — Anämie der Schleimhäute; Dyspnoe; frequenter Herzschlag; unfühlbarer Arterienpuls: Verfall der Kräfte; Facies hippocratica; klo­nische Krämpfe in den Streckmuskeln der Gliedmassen, des Rückens und Kopfes, sowie in den Augen- und Gesichtsmuskeln; unrege!massige und verlangsamte, schliesslich aussetzende Athmung mit Verzögerung der Exspiration.

Endet die Hämophilie mit Genesung, so treten die Symptome des schweren Blutverlustes nicht ein. Die Blutungen sistiren; etwaige Wunden in der Haut verheilen und das Gesammtbefinden der Pferde bessert sich nach und nach, so dass in 2—3 Wochen jede Spur der Krankheit be­seitigt ist.

Diagnose. Die Frage, ob eine anhaltende oder sich mehrfach wieder­holende Blutung aus Wunden in der Haut und Unterhaut durch eine allgemeine hämorrhagische Diathese (Hämophilie) bedingt ist, oder nicht — lässt sieh zuweilen bei der ersten Untersuchung des Falles nicht mit Bestimmtheit entscheiden. Dabei ist besonders zu beachten, dass durch eine eigentümliche Wundinfection anhaltende oder nach Zwischenzeiten von einigen Tagen sich wiederholende Blutungen aus dem Granulations­gewebe veranlasst werden können. Ich habe eine solche Wundkrankheit in mehreren Fällen bei Pferden behandelt.

Nach der mit Kluppen bewirkten Castration eines 6jährigen Hengstes entstand
an der rechten Seite eine beuteiförmige Ausweitung im vorderen Theil des Scrotums
mit schlaffer, dunkler, blutreicher Granulation. Am 9. Tage nach der Operation
stellte sich eine erhebliche parenchymatöse Blutung aus der Castrationswunde der
rechten Seite ein, welche nach der Application von Tampons aufhörte. Am 10. Tage
Entfernung der Flachstampons und Waschungen der Wunde mit Aq. carbolis. Am
12. Tage wiederholte sich die Blutung; sie wurde wiederum durch Tampons und
Heftung gestillt. Als am 13. Tage die Blutung wieder eintrat, legte ich das Pferd
nieder, spaltete die Wunde vollständig und ätzte die Granulationsfläche in ihrer
ganzen Ausdehnung nachhaltig mit Acidum nitricum fumans. Hiernach sistirte die
Blutung und die Heilung erfolgte ohne weitere Störungen.

Wenn sich parenchymatöse Blutungen trotz sachgemässer Behand­lung aus den Hautwunden wiederholen, so ist die Hämophilie anzunehmen.

Spontane Blutungen der Haut (Blutschwitzen) an der Schulter oder am Thorax unterscheiden sich als locale Krankheitszustände von der Hämo­philie durch ihre Unerheblichkeit und durch das Fehlen allgemeiner Stö­rungen der Gesundheit. — Blutungen aus den Respirationsorganen (Nasen-und Lungenblutungen) sind der Regel nach auf locale Krankheitszustände zurückzuführen. Nur in den Fällen, in welchen sie neben spontanen Blutungen aus Hautwunden hervortreten, bilden sie einen Bestandtheil der Hämophilie. — Die in die Brusthöhle oder in die Bauchhöhle er­folgenden Blutungen, die sich überhaupt nur durch indirecte Symptome kund geben, lassen sich intra vitam nicht von dem durch Localkrank-heiten (Rupturen) innerer Organe veranlassten Blutverlust unterscheiden. Bei tödtlichem Verlaufe kann nur die Section über die Ursache des Ver­blutungstodes Auskunft geben.

Rücksichtlich der allgemeinen Krankheitserscheinungen ist für die Diagnose zu beachten, dass im Verlaufe fieberhafter Infectionskrankheiten (Scalma, Pferdestaupe) und bei gastrischen Störungen die Kopfschleim­häute nicht selten 5—10 Tage hindurch eine anämische Beschaffenheit zeigen, ohne dass eine Blutung besteht. Mit der Genesung der Pferde stellt sich die normale Färbung der Schleimhäute nach und nach wieder ein.

Leicht kann die durch Hämophilie bedingte tödtliche Blutung in die Bauchhöhle verwechselt werden mit der Verblutung, welche beim Morbus maculosus zuweilen entsteht (vergl. den S. 441 mitgetheilten Krankheitsfall).

Einen interessanten Fall von „tödtlicher hämorrhagischer Diathese bei einem Pferde" hat Siedamgrotzky (Dresd. Ber., 1878., Jahrg. 23) beschrieben. Das Pferd, Wallach, 5 Jahre alt, war vor 10 Tagen castrirt und sollte wegen Steingallen behandelt werden. Auf der linken Kaumuskolfläche fand sich eine geschwollene, excoriirte Hautstelle. Als am folgenden Tage diese Wunde und die Castrationswunden durch Aufschlitzen der Localbehandlung zugänglich gemacht wurden, trat an beiden Stellen eine ganz erhebliche parenchymatöse Blutung ein, die erst nach 24 Stunden zum Aufhören gebracht werden konnte. P. 38, R. 10, T. 37,8°. Appetit gut. — Als am 4. Tage in die rechte Hodensackwunde die Hand eingeführt wurde, entstand wiederum, und zwar aus den Wandungen der Höhle eine heftige, anhaltende, paren­chymatöse Blutung, die einen halben Tag dauerte und die allgemeinen Symptome des krankhaften Blutverlustes herbeiführte. Am niedergelegten Pferde wurden beide Stellen mit dem Glüheisen touchirt, worauf die Blutung sistirte. Am folgenden Tage blutete aber die Kopfwunde von Neuem. P. 48, R. 12, T. 38,2°. — Innerlich: Seeale cornutum 10,0 mit Ferrum sulf. 15,0 in Latwergenform. Aeusserlich: Acidum tanni-cum. — Das Pferd erschien blutarm. — Am 7. Tage neues Bluten aus der Kopf­wunde und blutig-schleimige Nasendejection der linken Seite. — Vom 8.—16. Tage traten keine Blutungen ein und die mit Carbolwasser behandelten Wunden zeigten Heiltrieb. — Am 17. Tage Appetitmangel. P. 58, R. 14, T. 39,2°. Blutung aus der linken Nasenhöhle und aus der Kopfwunde. Gegen Abend ödematöse Schwellung der Unterbrust und Vorderschenkel. — Am 18. Tage: P. 60, R. 14, T. 39,6°. Die Backenwunden bluteten fort. Blutung aus beiden Nasenlöchern. In der Nasenschleim-haut kleine Petechien. Zunahme der Schwellung an der Brust und an den Vorder­schenkeln und scharf abgesetzte ödematöse Schwellung der Hinterschenkel. — Ord.: Camphor. 10,0, Perr. sulf. 15,0 mit Rad. Torment. 100,0 in Latwergenform. — Am 19. Tage starkes Bluten aus der Nase, den Backenwunden und den Castrationswunden. Umfangreiche Schwellung der Gliedmassen. Grosse Schwäche. Inappetenz. P. 66, klein, gespannt. R. 16, T. 40,0°. — Innere Behandlung fortgesetzt. Aeusserlich Acid. tannic. — Am 20. Tage Fortdauer der Blutungen. Grosse Schwäche. An­haltendes Liegen. Gegen Abend erfolgte der Tod. — Section: Zahlreiche Blutaus-tretungen fast in allen Organen und im Unterhautzellgewebe. Am Blute selbst war nichts Krankhaftes nachzuweisen. Das ausgetretene Blut erschien dunkel, schwach geronnen. Zahlreiche kleinere Blutungen in der Nasen-, Maul-, Schlund- und Bron­chialschleimhaut, sowie in der Pleura. Die Bauchhöhle enthielt blutig-seröse Flüssig­keit. „Wohin das Auge blickte, überall kleine Blutungen unter dem Bauchfellüberzug der Organe, am stärksten an der hinteren Gekröswurzel." Die verdickten Samen­strangenden waren mit abgestorbenen Gewebsmassen und blutigem Eiter bedeckt.